contemporary german painting & drawing/art

über die Kunst von:   isolde russ

 

 

Wer Spinnerei auf seine zur Eigenwerbung gedachten Flyer schreibt und auch noch stolz

darauf ist, muss wohl in Leipzig wohnen bzw. zumindest ein Stand- oder Spielbein da auf 

den Boden gekriegt haben. Die frühere Bauwollspinnerei in Plagwitz ist zum neuen Nabel 

der Kunstwelt zumindest Ostdeutschlands geworden. Da eine Adresse zu haben, ist für 

Kulturarbeiter nahezu eine Verpflichtung. So haben Torsten und Isolde Russ neben ihrem 

Wohnsitz im oberfränkischen Lichtenfels seit kurzem eben auch ein Atelier im ehemaligen 

volkseigenen Kombinat. Groß ist es nicht gerade, doch Kreativität wird nicht in Quadrat-

metern gemessen. 

Eigentlich kommt Isolde Russ aber von der Küste, aus der Hansestadt Stralsund. Ein 

kleines oder nicht ganz so kleines bisschen merkt man die Abgeklärtheit der Nordländer 

ihren Arbeiten noch an. Da ist viel Ruhe zu spüren, kaum Aufgeregtheiten. Doch ruhige 

Wasser sind bekanntlich nicht immer so ganz einfach zu durchschauen, manchmal kann 

man den Grund mehr ahnen als klar erkennen.

Beim Durchblättern der auf enorme Produktivität verweisenden Mappen mit Bildern aus 

den letzten fünfzehn Jahren fällt vor allem Eines auf: Da ist eine Suche im Gang. Die 

verläuft nicht geradlinig entlang abgesteckter Planquadrate, sondern eher so wie das 

Schlendern in einem schönen Park, wo sich immer wieder neue und überraschende Aus- 

und Einblicke ergeben. 

Isolde Russ hat sich ein vertieftes Wissen über die Entwicklungslinien von Dürer zu 

Duchamp und von Turner zu Twombly erarbeitet. So ist es nicht ganz verwunderlich, beim 

Durchstöbern des Fundus in der Spinnereistraße 7 auf manche Aneignungen und 

Anverwandlungen zu treffen. Hat da nicht gerade Graubner um die Ecke geschaut? Oder 

war es doch Rothko? Wols und Tanguy waren wohl auch schon mal auf einen Tee 

eingeladen. Schön, wenn man solche Freunde hat. 

Eine besondere Zuneigung besteht offensichtlich zum Informel, wo sich die Farbe vom

Diktat der Form befreit hat. Leichte Ironie scheint dann durch, wenn gerade eine Zeichnung,

die sich eben „Informel “ nennt, ausschließlich mit dem unbunten Bleistift und der gleicher-

maßen schwarzen Feder entstanden ist.

Nach dem entschleunigten Durchwandern verschiedener Ausdrucksweisen im Dunstkreis

jener losgelassenen Farbigkeit überraschen zwei jüngere Werkgruppen wie schroffe Fels-

gebilde mitten in der erikaüberwucherten Heide. Da sind zunächst die recht großformati-

gen Porträts junger Frauen. Ein harter, unbarmherziger Pinselstrich wirkt fast wie ein 

Seziermesser. Isoliert von der alltäglichen Lebenswelt verraten nur Kleidung, Frisur und 

Accessoires etwas über die formelle, äußere Einordnung der Frauen. Es sind aber ihre 

Blicke, ganz selten nur direkt auf den Betrachter gerichtet, die viel mehr preisgeben. Da 

werden Charaktere sichtbar.

Die zweite Werkgruppe ist ebenfalls viel hartkantiger als die meisten früheren Blätter. 

Doch hier sind es wie bei Torsten Russ Computerexperimente, die zugrunde liegen. Wie 

auf einem surrealen Spielplatz gehen Flächen und Linien räumliche Beziehungen ein, die 

vordergründig logisch erscheinen, beim weiteren Eintauchen aber immer mehr einer 

Gleichung mit vielen Unbekannten ähneln. Als hätte Dalí mit Malewitsch Mikado gespielt. 

Doch die Künstlerin hat ja auch Mathematik studiert.

„Zeitspuren“ nennt sich eine Acrylmalerei von 1999. Das könnte eigentlich die Überschrift 

für eine Werkschau von Isolde Russ sein. Da zeichnen sich Stationen ab, die keine 

Ankunft sein müssen, aber Spuren aufnehmen und weiterführen.

 

 

Dr.Jens Kassner

Kunsthistoriker

Leipzig 2008


 

 

DIE IDYLLE DER AUFRUHR - Malerei und Zeichnung Isolde Russ +Torsten Russ

 

Was soll man sagen,wenn einfache Worte nicht ausreichen, wenn eine Bestimmung von Kunst gefragt ist. Man kann altbekannte Stereotypen zu Rate ziehen oder man muss sich auf gefährliches Glatteis begeben. Aufpassen sollte man ,denn ausrutschen will keiner und das rettende Ufer möchte der Mutige auch erreichen. Kluge Ratschläge sind gefragt, Erfahrungen werden zu Rate gezogen. Entweder man traut sich oder lässt es lieber. Aber wer will schon als Feigling gelten und aufgeben? Zuerst sondiert man die Eisfläche. Die grosse Ausstellungshalle der GVD Druckerei Leipzig  wirkt wie eine zugefrorener See. Es gibt vertrauenswürdige Ufer aber auch  unbekanntes Terrain. Der Besucher kann am Rand entlangschleichen und sich überraschen lassen. Oder er ist wagemutig und dreht seine Pioretten. Die Ufer scheinen sicherer. Aber nur auf den ersten Blick.


Der Betrachter trifft auf Uferbewohnerinnen, an farbenprächtige Amazonen erinnernd, mal beruhigend, mal aufgeregt, oft reich geschmückt mit kriegerischen Silberschmuck, immer ausdrucksstark und fremdartig. Auge in Auge mit den Schönheiten ist man versucht das Innere zu erkunden. Man ist sich nicht sicher, ob man willkommen ist oder doch lieber freundlich grüssend weiterzieht. Der Weg kann einen an seltsam beleuchteten undefinierbaren Gebäuden ohne jeder Bestimmung oder endlos, riesigen, scheinbar zerstörten Landschaften vorbeiführen.


Wenn plötzlich schwarz oder rot gezeichnete Bewohner wild fuchtelnd aus futuristischen Häuserschluchten fliegen oder  sich aufgeregt streiten, muss der Betrachter das rettende Ufer verlassen und unweigerlich auf die weite Eisfläche treten, um all das zu überschauen. Und jetzt wird es gefährlich. Entweder man bricht ein und der Ausflug ist beendet oder man sagt sich, das man lediglich Betrachter der  expressionistischen Welten ist und jederzeit ans rettende Ufer zurücklaufen kann. Aus diesem Blickwinkel lassen sich die Bilder besser ertragen. Investiert man Zeit, ist viel bekanntes in den versteckten Geschichten zu entdecken. Schönes und auch anders.


Es ist zu vermuten, das einige Betrachter bei diesem Rundgang einwenig ins Rutschen kommen, ein Sturz ist keinem zu wünschen. Ob Uferrundgang oder Kür auf dem Eis, langweilig kann es nicht werden und zu erzählen hat man im Anschluss mehr als genug. Ist noch die Frage zu klären, wie die Amazonen mit den Männecken zusammenleben können oder wie solche Bilder entstehen.


Isolde und Torsten Russ werden womöglich am Ufer stehen und winken.